deutsche perspektiven
seit über 100 jahren.


Copyright by symlynX.


Reproduction of up to 777 bytes is authorized, provided the source is acknowledged, save where otherwise stated.

About us / Impressum


Follow us on Facebook or Twitter for new stories.

german.pages.de

Die Pfaffen bangen um ihre Pfründen



CSU schiesst auf Piraten

Nein, nicht die Katholiken, sondern die öberfränkischen Evangelischen sind es, die scharf gegen die Piratenpartei schiessen, weil sie "kirchenfeindlich" sei, wie epd am 9. August in der SZ berichtete.

Von einem "Evangelischen Arbeitskreis der CSU" in Selb angegriffen zu werden, ist wahrscheinlich irgendwo zwischen Ehrung und Belustigung einzuordnen. Die Tirade stammt von einem "Bezirkschef" namens Jürgen Henkel, der erklärte, die Piraten seien "eine populistische Protestpartei ohne Programm mit pseudoliberalen und kirchenfeindlichen Vorstellungen". Nanu, wo sind sie denn, die Vorstellungen? Im Programm natürlich.

Man mag über die Piraten vieles sagen, aber populistisch sind sie wesentlich weniger als die CSU mit ihrem Chef Seehofer, ihrem Ex-Hoffnungsträger Guttenberg und ihrem Idol F.J.Strauss. Im Gegenteil: was den Piraten fehlt, ist eine charismatische Führungsfigur wie die klassischen Populisten Poujade, Glistrup, Reagan oder Bossi. Pseudoliberal? Das ist ein Ausdruck, den die CSU meiden sollte, vor allem, wenn sie gerade versucht, eine aufkommende Konkurrenz per Bannstrahl wegzulasern.

"Verantwortungslose Radikalkritik an unseren demokratischen Parteien" ist eine Anschuldigung, die besser in die verbalen Rüstkammern des Syriens der Assads oder des Belorusslands von Lukaschenko passt, als nach Oberfranken. Was würde Herr Henkel erst sagen, wenn sich mal eine radikale Nazi- oder Anarchistengruppe zeigt, die die "demokratischen Parteien" schlicht für überflüssig erklärt?

Des Pudels Kern des evangelischen Zorns ist jedoch die Forderung der Piraten, Kirchen und Staat säuberlich zu trennen. Grauenhaft, die Vorstellung es gebe keine Kirchensteuer (bekanntlich erfunden von einem gewissen A. Hitler) mehr, kein Kirchgeld, keine Bevorzugung der Kirchen in der Bildungspolitk, in sozialpolitischen Institutionen und in paritätischen Leitgremien...

Keine Frage: die Pfaffen sehen ihre Pfründen und Machtpositionen bedroht. Eine neue Generation fragt, warum Deutschland kein moderner, laizistischer Staat ist, warum es die uralte Staatskirchenmentalität mit sich schleppt wie Putins Russland und Woytilas Polen. Selbst Italien und Griechenland bemühen sich derzeit, mit der Steuerbefreiung des Kirchenbesitzes das letzte Privileg aus der Staatskirchenzeit abzuräumen.

Wer denn die kirchlichen Sozialdienste finanzieren und übernehmen solle, fragt Henkel. Nun, die Finanzierung leistet weit überwiegend der Steuerzahler, der nicht gefragt wird, ob er lieber religiöse oder konfessionsfreie Träger-Organisationen bezuschusst. Dass die Kirchen durchaus gute Arbeit leisten schliesst nicht aus, dass ungebundene Träger wie das Rote Kreuz ebenso wirkungsvoll sein können.

Früher oder später wird die Bundesrepublik nicht mehr vermeiden können, den Millionen Muslimen im Lande gleiche Rechte einzuräumen wie den Christen. Wird man dem Steuerzahler diese zusätzlichen Kosten aufbürden wollen? Solange beispielsweise der evangelische Altersheim-Konzern Augustinum nicht bereit ist, Muslime aufzunehmen, wird man fragen müssen, ob kirchlich gebundene Sozialdienste öffentliche Zuschüsse verdienen.

Die Piraten betreten Neuland. Die junge Generation, die sie trägt, hat auf vielen Gebieten noch diffuse Vorstellungen, und das spiegelt die Partei wider.

Die Forderung nach Trennung von Staat, Kirche und — künftig — Moschee ist zeitgemäss. Die CSU wäre gut beraten, verbal abzurüsten. Wenn sie nicht gegen die Piraten lauthals stänkern würde, könnte es sein, dass man in Oberfranken garnicht mitkriegt, dass es die Piraten gibt.

Tweet this
Digg this
Flattr this
Stumble upon this
Make this delicious
Share this on Facebook



—— Heinrich von Loesch